Ohrdruf: Von Erstaufnahme, Äpfel pflücken und “wilden Tieren”

Am Sonntag, den 18.10. waren wir mit einigen Freund*innen, sowie einer Gruppe Refugees auf einer Apfelplantage. Die Idee war es, auf Grund der schlechten Ernährungssituation der Erstaufnahmestellen im Landkreis Gotha, frisches Obst vorbeizubringen. Gesagt, getan. Mehrere Stunden holten wir gemeinsam Äpfel vom Baum, so dass die wahnsinnige Menge von über einer Tonne entstand. Nachdem wir fertig waren und alles auf Hänger verladen haben, ging der Ärger erst los. Im Vorfeld haben wir mehrmals versucht Verantwortliche für die Erstaufnahmestellen und Gemeinschaftsunterkünfte zu erreichen, mit dem immer selben Ergebnis. Wir wurden von hier, nach dort verwiesen, niemand war so richtig zuständig für irgendwas und alle Personen die etwas entscheiden können, sind entweder nicht da oder nie zu erreichen. Deswegen haben wir uns dafür entschieden einfach vorbeizufahren und die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Nicht ohne Grund war unser erster Anlaufpunkt die Erstaufnahmestelle in Ohrdruf. In den vergangenen Wochen haben wir immer wieder davon gehört, dass die Menschen dort eine wirklich beschissene Ernährungssituation haben. Die Antifaschistische Aktion dokumentierte. Nicht nur die Ernährung ist furchtbar in Ohrdruf. Seit den letzten Berichten über die Erstaufnahmestelle hat sich kaum etwas verändert: Die ärztliche Versorgung ist immer noch nicht gegeben, Geldauszahlungen werden nicht getätigt, da es kein Personal gibt und die Security tut alles, um ihrem Ruf weiter gerecht zu werden. Bis zu einem Besuch von Abgeordneten des Landtages durften die Refugees die Erstaufnahmestelle nicht einmal verlassen, mit der Begründung, dass im Brandfall niemand wissen würde, wie viele Menschen sich im Inneren des Lagers befindet. Mittlerweile darf die Erstaufnahmestelle verlassen werden, was viele nutzen um vor den schlechten Bedingungen in andere Städte abzuhauen.

Als wir also in der Erstaufnahmestelle in Ohrdruf ankamen gelang es uns Kontakt zum zuständigen Leiter der Erstaufnahmestelle herzustellen, welcher auch anwesend war. Er erlaubte uns die Äpfel zu verteilen, jedoch ohne, dass wir auf das Gelände fahren dürfen (Militärgelände). Wir einigten uns darauf, dass die Menschen nach draußen kommen und sich das Obst mitnehmen können. Als wir versuchten den Refugees klar zu machen, das besagte Obst für sie ist und sie nach draußen kommen sollen, ging der Ärger erst los. Sie trauten sich nicht so richtig, doch als die ersten kamen, stand sofort die Security am Tor und verwehrte ihnen den Ausgang. Als wir darauf hinwiesen, dass es abgesprochen sei und sie den Weg frei machen sollen, wurden wir von ihnen beleidigt und uns wurde angeboten „mal um die Ecke zu gehen“. Zu uns wurde außerdem gesagt, dass die „Asylanten“ oder „Asylis“ keine Hunger haben, bestens versorgt sind und die Aktion sowieso nur Streit reproduziert. Als wir nach hakten, warum es Streit geben soll, wurde uns gesagt, dass „die Asylis wie die Tiere sind und sich dann um die Äpfel prügeln würden“. Wir ließen nicht locker, vermittelten der Security, dass wir vor ihnen keinerlei Angst haben, ihre Prollattitüde bei uns nicht zieht und wir ihre rassistischen Ressentiments zum kotzen finden, was funktionierte. Das Tor öffnete sich und die „nicht hungrigen“ Menschen kamen heraus.
Es war ein tolles Gefühl, die Menschen freuten sich, lachten und bedankten sich bei uns. Sie nutzten so ziemlich alles (Kopfkissenbezüge usw.), um das Obst ins Innere zu bringen. Als ein Mensch mit einem Eimer zu den Anhängern kam, kippte die Situation wieder. Die Security hielt ihn auf, sagte dass der Eimer Privateigentum der Erstaufnahmestelle sei und nicht die drei Meter mit nach außen genommen werden konnte. Weil wir das als Schikane verstanden machten wir bemerkbar, dass sie Abhilfe schaffen sollen. So wurden von der Security Müllsäcke verteilt, was uns wieder schaudern ließ. Eine Person hatte anstatt einem Müllsack auf einmal zwei in der Hand, was eine Frau der Securityfirma in Rage versetzte, sie fing an die Menschen anzuschreien „just one Sack for one Person“. Besagte Person, welche sich einmal in Rage geschrien hatte, wollte dann auch noch ihren Unmut an uns loswerden, so lief sie zu uns und fing an zu brüllen, was uns kalt ließ. Alles in allem war das Verhalten dieser „Hilfssheriffs“ den Refugees gegenüber zum kotzen. Auch, dass die Refugees eine Zeit lang durch einen Spalier von Securitys laufen und sich immer wieder anbrüllen lassen mussten, erinnerte uns weniger an eine Erstaufnahmestelle auf einem Militärgelände, vielmehr an ein Kriegsgefangenenlager.

Nachdem der Ansturm auf das Obst vorbei war, durften wir noch Zeugen der „Essensausgabe“ werden. Das Essen wird von regionalen Cateringfirmen verrichtet und findet in einem, für die Menge an Menschen, viel zu kleinem Zelt statt. Dies hat zur Folge, dass man 3 mal am Tag bis zu einer Stunde in der Kälte auf sein Essen warten musste. Auch wurde nur zu diesen bestimmten Zeiten Wasser in mitgebrachte Flaschen gefüllt. Zudem müssen die Refugees sich in einer Reihe aufstellen und müssen diese Reihe einhalten. Die Schlange wuchs in kurzer Zeit an die 100 Meter und ehe die Letzten ihr Essen bekommen, müssen sie etwa 30-45 Minuten lang in der Kälte stehen. Auch dieses Prozedere läuft nicht immer ohne Beschimpfungen und Schikanen ab. So erfuhren wir, dass die Menschen immer wieder angebrüllt werden oder des öfteren auch mal Sätze wie: „Wenn`s euch nicht passt, dann haut doch ab wo ihr hergekommen seid!“ an den Kopf geknallt bekommen. Die Ausgabe der restlichen Äpfel in verschiedene GU`s und Erstaufnahmestellen war kein Problem und lief gut.

Wir halten fest:
- Es ist kaum möglich mit Verantwortlichen Absprachen zu treffen, da diese meist nicht reagieren oder sich niemand für etwas verantwortlich fühlt.
- Helfer*innen werden massiv Steine in den Weg gelegt weshalb wir lieber auf die eigenen Kräfte vertrauen.
- Der Staat versagt auf ganzer Ebene, die Versorgung der Menschen in vielerlei Hinsicht ist eine Zumutung.
- Organisiert euch, um mit zu helfen und die Situation zu verbessern. Macht auf die Situation aufmerksam, helft mit wo ihr könnt.
- Vertraut nicht auf staatliche Institutionen. Einer solidarischen Gesellschaft bedarf es eines Staates nicht.
- betreffende Securitys der Firmen Distelkam/DVK Eastside Crew sind im Kontext einer Erstaufnahmestelle untragbar.

Wir möchten noch darauf hinweisen, dass nicht nur die Situation in den Erstaufnahmestellen uns an unsere Grenzen stoßen lässt. In der letzten Zeit werden vermehrt Demonstrationen von Nazis angemeldet. So stehen dieses Jahr im Landkreis Gotha noch mindestens drei Demonstrationen an. Wir bitten um Unterstützung und hoffen, dass wir den kommenden Aufmärschen etwas entgegnen können. Hier eine Auflistung der Aufmärsche: 24.10. Waltershausen, 15.11. Friedrichroda klick, 28.11. Gotha klick.





5 Antworten auf „Ohrdruf: Von Erstaufnahme, Äpfel pflücken und “wilden Tieren”“


  1. 1 anonym2 21. Oktober 2015 um 9:51 Uhr

    Kein Wunder!
    In der sogenannten „erfüllenden“ Gemeinde Ohrdruf ist eben alles anders als „normal“. Dieses „tote Dorf“ ist, nachdem man vor ein paar Jahren (aus Dusseligkeit) ihr mit immensen Steuermitteln restauriertes Schloß fast komplett abgefackelt hat, inzwischen noch toter als tot!
    Die Bürgermeisterin interessiert sich nur noch für das Gewerbegebiet, das „Gastgewerbe“ hat sich bis auf ein paar drittklassige Absteigen sowie Restaurants mit drei Ruhetagen pro Woche vollkommen zurückgezogen. – Ach nein, hätte ich ja fast vergessen: natürlich betreibt man in Ohrdruf immer noch einen Puff mit „selbständig tätigen“ Damen überwiegend aus der Balkan-Region. Die Betreiber haben sicher auch schon ein Auge auf manche der bedauernswerten dort eingepferchten Geflüchteten geworfen…
    Geht einfach mal aufmerksam durch den Ort. Soviel heruntergekommenen Wohnungs-Leerstand habe ich in kaum einem anderen Ort gefunden. Aber was kann man von einem Ort auch erwarten, der nicht mal eine öffentliche Toilette hat.

    Geflüchtete auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz unter den oben geschilderten Bedingungen einsperren, ist menschenverachtend. Die sog. „Security“-Kräfte sollten diesen „Service“ selbst mal ein paar Monate genießen!
    Pfui Teufel !!!

    Anmerkung vom Infoladen: Wir haben es uns herausgenommen die Userdaten des Kommentators zu anonymisieren. Das dient dem Schutz der Menschen die hier kommentieren. Weiterhin haben das Wort „Asylanten“ durch das Wort „Geflüchtete“ ersetzt. Grund dafür ist, das wir das Wort „Asylanten“ diffamierend finden und der Ansicht sind, dass es negativ belastet gegenüber den Menschen ist welche in der Erstaufnahme leben.

  2. 2 anonym 21. Oktober 2015 um 15:50 Uhr

    Eine RIESIGE Schweinerei. Die Verantwortlichen und nicht die Geflüchteten sollten sofort diszipliniert werden! Sie sollten sich dem Arbeitslosenheer abnschliessen und durch menschliche Arbeitssuchende ersetzt werden. Der Aufruf sich den Gegendemonstrationen gegen Fremdenfeindlichkeit sollte sich jeder Anschliessen, der noch nicht verblödet der AfD oder den Nazis hinterherrennt.

    Anmerkung vom Infoladen: Wir haben es uns herausgenommen die Userdaten des Kommentators zu anonymisieren. Das dient dem Schutz der Menschen die hier kommentieren. Weiterhin haben das Wort „Asylanten“ durch das Wort „Geflüchtete“ ersetzt. Grund dafür ist, das wir das Wort „Asylanten“ diffamierend finden und der Ansicht sind, dass es negativ belastet gegenüber den Menschen ist welche in der Erstaufnahme leben.

  3. 3 Edelweißpirat 21. Oktober 2015 um 16:30 Uhr

    Danke, Super Aktion ! …und Danke für den Text und die Infos.

    Edelweißpirat

  4. 4 MIKA 23. Oktober 2015 um 20:01 Uhr

    Dieser Artikel muss an sämtliche Medien weitergeleitet werden. Ich habe es bereits an den NDR weitergeleitet. Ich bin mir sicher, dass es aufgegriffen wird. Vielen Dank für diesen schockierenden Einblick. Mir fehlen die Worte.

  5. 5 Frank 29. Oktober 2015 um 20:58 Uhr

    Hallo,
    ich bin erst jetzt, eher durch Zufall, auf Eure Seite gelangt.
    Das ist ja unfassbar, was da geschildert wird !
    Die Securitys sind untragbar für diese Tätigkeit. Da kann ich nur dringend anraten eine schriftliche Beschwerde beim zuständigen Ministerium einzureichen und an die Presse weiter zu leiten.
    Ekelhaft was die “ Möchtegern – Sheriffs “ sich heraus nehmen.
    Ein dickes Lob an alle Helfer !!!

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